Startseite > Kommentare > Gier frisst Hirn ...
Kommentar zurück
Gier frisst Hirn - oder: Steinbrück erklärt uns die Finanzkrise
12.04.2008
Wer am 10.04.2008 auf der Homepage des Bundesfinanzministeriums unterwegs war, konnte unter der Rubrik „Klartext“ Erstaunliches lesen:
„Gier schaltet das Hirn aus“
Wer trägt die Verantwortung für die aktuelle Finanzkrise?
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück findet klare Worte für die Verursacher der aktuellen Finanzmarktkrise:
„Die aktuelle Finanzkrise haben Geldprofis verbockt, die Milliardenbeträge in den amerikanischen Immobilienmarkt investiert haben und risikoreiche Verpflichtungen eingegangen sind. Da hatte die Gier das Hirn ausgeschaltet.“
Man muss also erst Bundesfinanzminister werden, um in zwei Sätzen die Ursachen der Finanzkrise aufzeigen zu können. Konnte man uns das nicht gleich so erklären?
Mancher Leser mag mir die etwas reißerische Überschrift verzeihen, aber der alte Börsenspruch, wenn man vor lauter Dollarzeichen in den Augen die Risiken nicht mehr sieht, lautet nun mal so. Aber als Regierungsmitglied darf man sich da nicht so gehen lassen und drückt sich daher etwas gewählter aus.
Was uns Herr Steinbrück sagen möchte ist Folgendes: Die Kuh ist ertrunken, weil der See zu tief war. Man könnte jetzt nach Feststellung der Todesursache „Ertrinken“ bzw. Feststellung der Finanzkrisenursache „Gier der Geldprofis“ wieder zur Tagesordnung übergehen oder aber, und das ist unbequem, man könnte das Gehirn (re-)aktivieren. Sofern man Geldprofi ist, lässt es sich jedenfalls nach Steinbrück auch wieder einschalten.
Was also trieb denn die Kuh zum See? Warum also wurden Milliardenbeträge in den amerikanischen Immobilienmarkt investiert und warum ging man damit risikoreiche Verpflichtungen ein? Wie kam es dazu und welche Auswirkungen könnte es haben?
Hierzu muss man kurz zusammengefasst Folgendes wissen: In den USA wurden erstens von den Banken Häuser teilweise zu 100 Prozent ihres Wertes finanziert und zweitens betrachteten die Hausbesitzer ihr Haus als Geldautomaten. Man musste nur jemanden finden, der die Immobilie hoch genug bewertete und schon bekam man von der Bank frisches Geld zur Finanzierung des „American way of life“ aufgedrängt, sprich, zusätzliche Kredite gingen sofort in den Konsum. Allen war gedient, der Hausbesitzer hatte Geld und Neider, die Bank neues Geschäft, der Kreditvermittler und der Wertgutachter Einkommen, die Wirtschaft Nachfrage, der Staat Steuereinnahmen. Auf neudeutsch würde man es eine "multiple Win-Win-Situation" nennen. Drittens haben die finanzierenden Banken dann ihre Kreditforderungen zu Paketen gebündelt und weiterveräußert. Zuvor hat eine Ratingagentur noch ein Siegel mit „AAA“ oder ähnlich guter Bewertung auf das Paket geklebt, was für Investoren (also Steinbrücks Geldprofis) Anlass genug war, diese Pakete in die Bücher zu nehmen. Ähnliches passierte z.B. mit Kreditkartenschulden oder Studentendarlehen.
Das kann prinzipiell ewig so weitergehen, wenn keine negativen äußeren Einflüsse auftreten. Aber genau das passierte: Einerseits gingen die astronomischen Bewertungen der Immobilien zurück und andererseits musste ein immer größerer Anteil des Familieneinkommens in den Schuldendienst gesteckt werden, was solche Finanzierungen dann besonders krisenanfällig machte. Viele Amerikaner konnten dann nicht mehr ihre Schulden, die auf Grund der nunmehr niedrigeren Bewertung ihrer Immobilie fällig wurden, oder ganz einfach ihre laufenden Raten nicht mehr bezahlen. In der Folge wurden dann natürlich Neubewertungen der Kreditpakete notwendig, die zu immensen Abschreibungen bei den Investoren führten. In Deutschland hat die Industriekreditbank (IKB) auf diese Art ihren Aktienkurs atomisiert. In den USA folgte die Bank Bear Sterns diesem Bespiel.
Steinbrück will uns mit seinem lockeren Bezug auf die bösen Geldprofis glauben machen, dass sich einfach nur irgendwelche obskure Investoren verzockt hätten und es sich somit um einen Vorgang handele, der sich nur auf der finanzwirtschaftlichen Ebene abspiele und auf die Realwirtschaft keinen Einfluss habe. Auf die Geldprofis komme ich später noch zu sprechen.
Für die Amerikaner, die ihre Häuser verlassen mussten und nun in Zeltstädten oder im Auto leben oder ihre Häuser aus Verzweiflung anzündeten, um wenigstens die Versicherungssumme zu kassieren, ist die Finanzkrise jedoch ganz real in ihr Leben getreten. Das dortige auf diese Weise mit Kredit finanzierte Wachstum kam zum Erliegen mit sämtlichen Auswirkungen auf Nachfrage, Konsum, Beschäftigung und Steuereinnahmen. Also durchaus realwirtschaftliche Vorgänge.
Nun gut, was hat das mit unserer Realwirtschaft zu tun? Das kann sich jeder leicht vorstellen, welche Auswirkungen fehlende Nachfrage aus den USA und dazu ein schwacher Dollar auf unsere auf Export ausgerichtete Volkswirtschaft hat. Weiterhin macht man sich nun auch diesseits des großen Teiches Gedanken über die Immobilienbewertungen, besonders in Spanien. Hier deuten sich ähnliche Tendenzen wie in den USA an.
Man will demnach hierzulande unter allen Umständen vermeiden, dass jemand auf den Gedanken kommt, dass es uns in Zukunft real (noch) schlechter gehen könnte; schließlich sind wir amtierender Exportweltmeister, das eh schon magere Wachstumsziel für 2008 von real 1,7 Prozent soll nicht aufgegeben werden, was übrigens der IWF schon getan hat, und ab dem Jahre 2011 will Steinbrück uns einen ausgeglichenen Bundeshaushalt vorlegen, sofern er dann noch im Amt ist. Also wird der Ball schön flach gehalten.
Nun zu den Geldprofis: Kurzum sind dies Leute, die sich hauptberuflich mit Geld befassen, welches ihnen nicht gehört. Sie sitzen bei den so genannten institutionellen Anlegern, u. a. in Versicherungen, Fondsgesellschaften, Geschäftsbanken und auch in Landesbanken. Wenn sich privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen verzocken, ist das deren Sache bzw. Sache der Aktionäre, der Aufsichtsbehörde und der Gläubiger. Wenn sich aber staatliche Banken verzocken und dann Milliarden Euro Finanzhilfen aus Steuermitteln und dazu noch Landesbürgschaften zu Lasten der Landeshaushalte erhalten, sieht man das als Steuerzahler gar nicht so gerne. So etwas nennt man dann vornehm "Risikoschirm". So schlecht aber ist das Bild nicht, es ist sogar sehr treffend: Die Steuerzahler halten zwangsweise einen Schirm über die Geldprofis, damit diese vor dem bösen marktwirtschaftlichen Hagelschlag beschützt werden.
Aber am Ende wird es Keiner schuld gewesen sein, kein Vorstand, kein Aufsichts- oder Verwaltungsrat und auch kein Wirtschaftsprüfer. Oder immer der jeweils andere. Oder Familie Johnsen in Florida, die einfach ihren Kredit nicht mehr bezahlt. Sieht man sich das Debakel um die IKB an, Konzerntochter der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), wird es ganz plastisch. Die Vorstandssprecherin der Konzernmutter, deren Qualifikation es war, einmal Haushaltsexpertin der SPD-Bundestagsfraktion gewesen zu sein, kränkelt, wenn es mal heißer hergeht. Der Verwaltungsrat, dessen Aufgabe laut eigenem Anspruch es ist, u. a. die Geschäftsführung und Vermögensverwaltung zu überwachen, hält sich vornehm zurück.
Ein Blick auf die Mitgliederliste des Verwaltungsrates der KfW -die den Wiederaufbau übrigens bereits um ca. 40-50 Jahre überlebt hat- erklärt dies leicht. Nach dem Stand vom 1.1.2008 ist der Vorsitzende der Herr Bundeswirtschaftsminister Glos, Mitglieder sind u. a. Sigmar Gabriel, Roland Koch, Frank-Walter Steinmeier, Horst Seehofer, Wolfgang Tiefensee und Heidemarie Wiesczorek-Zeul. Stellvertreter des Vorsitzenden Glos ist übrigens unser Klartextverfasser Bundesfinanzminister Steinbrück selbst.
Auch alles gute Gründe, um den Ball flach zu halten. Aber wir lassen uns von Klartexten nicht so leicht aufs Glatteis führen. Oder in den See.
Ihr Manfred Beutler
Sie möchten benachrichtigt werden wenn ein neuer Kommentar erscheint? Kein Problem, füllen Sie einfach das Formular hier aus!
Kommentar zurück
Startseite > Kommentare > Gier frisst Hirn ...